AUSGEMUSTERT – Gedanken zu den CARPETED CARPETS
KISS THE REICHL, das sind die Architektin und Philosophin Noémi Kiss und der Architekt Andreas Reichl. Sie spielen mühelos mit Worten, Mustern, unseren Vorstellungen und Sehgewohnheiten.
CARPETED CARPETS – alte, ausgemusterte Teppiche bemalt, bedeckt mit neuen Mustern. Darunter konnte ich mir nicht viel vorstellen, und auf dem Weg ins Büro von KISS THE REICHL überwog die Skepsis. Mit alten Teppich verbinde ich nicht die angenehmsten Assoziationen: Alte Teppiche machen Räume dunkel, verschlucken das Licht und riechen meist muffig. Erinnerungen an die Wohnungen alter Tanten kommen auf …
Staunend stehe ich dann vor den CARPETED CARPETS im Büro der Architekten. Alle Skepsis, Bilder und Vorstellungen sind verflogen. Linien mäandern über die Bildfläche des Teppichs, ohne Anfang und Ende, laufen zusammen und wieder auseinander, Farbflächen lassen das darunter liegende Teppichmuster manchmal nur erahnen, an anderen Stellen ist genau dieses Muster durch Freilassungen hervorgehoben, neue Formen entstehen. In wieder anderen Teppichen wirkt das Muster wie ein kunstvolles Gitter, das intime Einblicke auf dahinter liegende Bildmotive freigibt.
Die Augen berühren den Teppich, folgen den Linien, entdecken Details, tauchen ein und wieder auf und fühlen die Oberfläche geradezu. Das Unerwartete ist die getrocknete Acrylfarbe, das Harte auf dem weichen Teppich. Überrascht nehme ich wahr, wozu ein Blick fähig ist. Der erste visuelle Eindruck schafft keine Gewissheit. Der Blick beginnt den Bildteppich abzutasten, alle Sinne sind gefordert. Aus dem wissenden wird ein fragender und damit unvoreingenommener Blick. Der Blick taucht ein und wieder auf, Muster über Muster – ein vergnügliches Spiel mit Formen und Assoziationen beginnt für den Betrachter.
KISS THE REICHL bedecken ausgemusterte, gebrauchte Teppiche mit neuen Mustern und hängen sie als Bildteppiche an die Wand. Maschinell gefertigte Teppiche oder abgetretene, abgenützte geknüpfte Teppiche werden durch Handarbeit und künstlerische Eingriffe zu Unikaten. Herausgenommen aus ihrem ursprünglichen Gebrauch, von KISS THE REICHL ausgemustert zu neuen Gestaltungen, entziehen sie sich schneller Einordnung. Die Teppiche sind mehr als eine „grundierte Leinwand“ für die Bildvorstellungen der beiden.
KISS THE REICHL nehmen den Teppich mit seinen Gebrauchsspuren, seiner Geschichte, seiner Ausstrahlung wahr. Sie mustern ihn genau, mit aufmerksamen Blick: Welcher Ausschnitt, welches Detail ist interessant? Wie lässt sich das Muster aufgreifen, wie durchbrechen? Wodurch entsteht Spannung in diesem Bildfeld? Wie lässt sich die Patina als Ausdruck zeitlicher Tiefe bewahren? Wie lässt sich das Vorhandene mit dem Neuen verbinden? Wie ist das Verhältnis von Muster zu Muster? Spielerisch und experimentell bewegen sie sich entlang des vorgegebenen Teppichmusters und darüber hinaus.
Das sinnliche Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien beginnt. Wollfäden werden auf dem Teppich fallengelassen und bilden eigene Arabesken, Muster werden in Papier gerissen und aufgelegt, manche Stellen werden abgeklebt. Die beiden arbeiten mit viel Neugier auf das jeweilige Material und der Bereitschaft, sich davon überraschen zu lassen.
Was die Leichtigkeit eines Spiels hat ist die konsequente künstlerische Weiterentwicklung der Ideen aus der Arbeit „Atmosphäre – Wechselbeziehung zwischen Mensch und Material“ von Noémi Kiss und den handgemalten Wandmustern von Andreas Reichl aus dem Projekt „walltattoo“. Viele Fäden laufen also in den geschichteten Gestaltungen der CARPETED CARPETS zusammen. In all ihren Projekten und Gestaltungen bewegen sich KISS THE REICHL entlang der Frage, wie Atmosphäre in einem Raum entsteht. Die Bewegung der Linien auf den Teppich versetzt Räume in Schwingung. Die Begrenzung der Teppiche wird ebenso aufgelöst wie die Grenze zwischen Kunst, Design und Architektur.
Für mich sind die CARPETED CARPETS eine Einladung, das Gewohnte hinter mir zu lassen und Vorstellungen auszumustern.
von Brigitta Höpler
